Christen sind anders!?
Es ist nicht unbedenklich, wenn ich in der Überschrift den Slogan an den Wiener Stadteinfahrten “Wien ist anders” aufgreife. Damit soll ja für Wien als eine besonders lebenswerte Stadt geworben werden. Peinlich wird es dann, wenn die Besucher eher unerfreuliche Erlebnisse in der Stadt haben. Dann kann dieser Slogan seinen positiven Charakter verlieren und sich so ähnlich wie das seinerzeitige selbstbewusste „Wien bleibt Wien!“ zur gefährlichen Drohung wandeln.
Christen sind anders oder leben anders. Darum geht es in den Versen aus dem Epheserbrief. Ihm liegt sehr daran, dass Anhängerinnen und Anhänger Jesu nicht so leben, wie es für ihre heidnische Umwelt normal ist. Das Anderssein wird ihnen zugemutet, weil sie dem Vorbild und dem Willen Gottes folgen sollen. Es geht also nicht um eigenmächtige Selbstverwirklichung und Profilierung. Ihr Glaube hat sie in eine Bewegung hineingezogen, die wirkungsvoll in die Welt eingreift.
“Führt euer Leben in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und sich für uns hingegeben hat.” Das ist das Leitwort, das den besonderen Weg der Christinnen und Christen in der Welt begründet. Sie leben aus der Erfahrung der Gottesliebe. Und diese Erfahrung bedeutet eine dramatische Lebenswende. Davon bestimmt, können sie nicht anders, als diese Erfahrung auch in ihrem Leben kundwerden zu lassen. Das aber lässt sie auch immer wieder ihr Anderssein, vielleicht sogar ihr Außenseitersein, spüren, wenn sie auf ganz andere Geister, Bestrebungen, Glaubens- und Verhaltensweisen treffen. Oft ist das ein schmerzlicher Zusammenstoß, aber er muss ausgehalten werden, weil auch darin sich der Angriff der Liebe Christi auf die Welt ereignen kann. Andererseits lassen sich Menschen dadurch auch bewegen, nach dem Grund für dies Anderssein zu fragen, und beginnen, über das Christusereignis zu staunen.
Die Wende wird mit einem harten Kontrast beschrieben: “Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn.” Er erinnert an das Sakrament der Taufe, bei der das Ja Gottes ein für alle Mal ausgerufen und versiegelt wird. Freilich sind wir noch nicht im Himmel. Und so muss im täglichen Kampf das Leben als Kinder des Lichtes angefangen, gestaltet und erfüllt werden, soll frei nach Luther täglich der alte Adam respektive die alte Eva ersäuft werden, und Menschen, die in Gerechtigkeit vor Gott leben, hervorkommen.
Drei Merkmale dieses anderen Lebens werden genannt. Von der oft auch kirchlich beeinflussten repressiven Sexualmoral hat das Pendel zur sexuellen Marktwirtschaft ausgeschlagen. Da gilt es einen eigenen Weg zu gehen, um die Chancen wirklich liebevoller sexueller Begegnungen zu schaffen und zu bewahren um der Liebe Christi willen. Habgier ist der Motor aberwitziger Finanzwirtschaft, die sich weigert, aus dem von ihr angerichteten Desaster zu lernen. Diesem Götzendienst müssen Kinder des Lichts absagen. Die Sprache kann erhellen, verbinden, Begegnungen liebevoll machen, heilen und schöpferische Prozesse einleiten. Man kann mit ihr auch lügen, verletzen, töten. Ist es eine Frage, welchen Gebrauch die “Heiligen Gottes” von der Sprache machen?
Christinnen und Christen sind anders. Hoffentlich bleibt das ein positives Signal und nicht eines, das die Menschen enttäuscht.
Klaus Heine (SAAT 3/2010)